„Die gerettete Nacht“

Nachtgestalten, Nachtpassagen

Cover Gerettete Nacht klein

 
Eine Zeit lang bin ich früh schlafen gegangen … aber leider auch bald wieder aufgewacht. Und wenn es mich genug drängte, habe ich mich wieder angezogen, habe eine oder zwei meiner Kleinstkameras genommen und bin spazieren gegangen. Und ab und an, noch unter dem Einfluss des Erlebten, habe ich anschließend etwas davon aufgeschrieben. Fast ausschließlich so sind die hier gesammelten Texte innerhalb der letzten Jahre entstanden, und außerdem als Co-Folge bald einer weiteren Gewohnheit, nämlich sie als etwas Sporadisches per se in ein Internet-Blog zu stellen, der sich entsprechend Tage- und Nachtbuch nannte, und im Untertitel Lebensmitschriften.

Zwar sind die Texte hier sämtlich noch einmal überarbeitet, aber – Spontaneität, Momentbezogenheit sowie die Blogform selbst erlauben bzw. verführen ja auch eher zur Kurzfristigkeit – ich habe ebenso versucht, ihre Anlassbezogenheit zu bewahren, das quasi verschärft Essayistische, Unfertige jenes anderen Zustands nachts, da sich die Dinge und die Wahrnehmungen um ungefähr den Grad verschieben, den man sich am Tag manchmal so wünscht, weswegen dann auch das Periphere auf einmal einen anderen inneren Nachhall findet. Und so erklären sich auch, zumindest zum Teil, das hier je ausdrücklich Bewahrte, das Momentbedingte und also auch möglichere Subjektive der Abirrungen.

Geschlossenheit ist ja an sich oft eher Konvention und Verfälschung, das Fragment dem Erleben oft eher angemessener. Das Nächtliche, das sich in einem gewissen Teil selbst schreibt, ist mir ebenso wichtig wie das Versuchshafte der Texte. Sie wollen also unabgeschlossen bleiben. Und ergänzen sich in einem Untergründigen, in einem Insgesamt der Subtexte auch so.

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Textauszug: Der Fremde

Und dann gibt es noch jene Sommerabende, die leuchten, die alles in eine Schwebe zu versetzen scheinen, es aufladen mit Versprechen und Unverhofftheit, die einem fast hinreichen zu so was wie Levitation.

Zwar gibt es auch dafür die Verabredungen gängiger Sprachmuster, kennt man irgendwann seine besonderen Gestimmtheiten schließlich selbst (vielen Leuten reicht dazu schon Alkohol), doch wird das der Idealität solcher Momente nicht gerecht. In diese Klasse der wirklich Außerordentlichen dringt da, in einer Art Vorschein, zugleich wie von Fügung und Unverfügbarkeit, etwas auf ein höheres Jetzt, hat es etwas von wie schicksalhaftem Geschehen. Oder in einem Bedürfnis auch einmal nach Selbsterhebung soll es einer armen Seele so vorkommen. Und schon in der Überlegung, was noch man alles selber hinzugibt, wie absorbiert von einer zärtlichen Gleichgültigkeit der Welt, bestimmt es sich bereits nicht mehr so leicht. Man könnte sogar lernen, wie man selber auch für sein Glück verantwortlich ist – und wieso einem damit zugleich etwas Wichtiges, das Entscheidende vielleicht, genommen ist.

Wie jetzt, im Hochsommer, fällt mir solch eine Art Abend seit etlichen Jahren immer wieder mal ein, wohl weil man, egal wie entlegen, solche Intensitäten ebenso als Ausnahme wie beispielhaft für sein inneres Koordinatensystem benötigt und sie da entsprechend maßgebend integriert. Heute will ich in der Stadt nur ein bestimmtes Detail an einer bestimmten Ecke nachprüfen, weil ein Gefühl das als Vergewisserung für eine andere Genauigkeit braucht – es ist ganz unwichtig, doch will es in mir nicht davon lassen. Und unversehens fühlt es sich an, als wäre die Ausgangslage ein bisschen ähnlich wie jene damals.

Ich war spät aus dem Studio gekommen, das ich mir in einer obskuren, ungenutzten, auf keinem Plan eingezeichneten, Wohnung über einer Tiefgarage eingerichtet hatte, und dort war mir, nach etlichen Stunden, etwas gelungen, das hatte ich sofort gewusst – und ich hatte es auf Band. Sicher war ich davon also schon ein bisschen beflügelt gewesen, als ich dann, anstatt durchzufahren, schon am Tausendfüßler aus der Straßenbahn gestiegen war, um noch ein bisschen jenem seltenen Unbeschwertsein nachzugehen.

Es war eine dieser Nächte, die auch in der Provinz voller Verheißung sein können, an Atmosphäre braucht es dafür nicht viel: eine ein bisschen laue, von den bekannten Gerüchen durchmischte und aufgeladene Luft, das Vorbei an einer ausgehgirrenden Mädchenclique, im Zugwind eines Cabrios verwehend ein paar Töne aus einer annehmbaren Musik – an solchen Abenden reicht schon das Geringste für das Nächstmögliche an einen Zustand wie von Verliebtheit, der einem ohne den Gedanken an eine bestimmte Frau kommen kann.

Heraus den Mitten nun großzügig entvölkerter Einkaufsareale, bog ich auf unsere Repräsentierallee ein und querte sie gleich wieder, um, weg von den letzten Schau-Bummlern, auf der Raum lassenderen Seite zu sein, und kam auf den Punkt zurecht für die Szene um eine einzelne, für mein unbedarftes Auge nicht gleich einschätzbare Frau, die noch draußen saß, Bei Tino, ungerührt zwischen den die Tische und Stühle schon nach drinnen tragenden Kellnern.

Sie trug ein Kleid aus einem Material, das alles Restlicht um sie herum aufnahm und reflektierte, ihr nacktes Schienbein glänzte über exquisit pedikürten Zehen. Dazu hatte sie diese Demonstrativhaltung der Maximalentspannten, etwas, das auch Mittellosen zugänglich ist, doch weiß man, Geld und gewisse andere habituelle Gewissheiten helfen zu solcher Art Ungezwungenheit enorm. Und obwohl in einer sichtlich höheren Altersklasse als ich, muss sie unmittelbar etwas von der Transponierung ins Juvenile bei mir nun empfangen haben, und sei’s nur, dass offensichtlich wurde, wie ich, sichtlich linkisch mit dem Glück, es erkennbar selten auszustrahlen fähig war. Und so lächelte sie mich an, heraus einer Art Sekundenbeischlaf an Mitwisserei und Komplizenschaft, wie er manchmal unter völlig Fremden möglich ist, durch nichts weiter bedingt.

Das war es. Nichts weiter passierte. Das Glück lief nicht leer, sondern fand nur, schon so großzügig, für seinen Tölpel keinen weiteren Anlass mehr. Und vielleicht hätte ich an jenem Abend sogar lernen können, dass, ist es einmal da, man ihm auch weitere Gelegenheiten verschaffen muss, irgendwelche Handlungsmomente, sich einem fassbarer zu ereignen. Sonst schläft man eben wie jede Nacht darüber ein oder verpasst während eigener Üblichkeiten, was einem dann für immer unausdenkbar bleibt, so oft man sich auch an die sich einem nahe zu legen scheinenden Potenzen solchen Ausnahmezustands erinnert.

Heute fiele es meinem dahin entwickelteren Radar leicht, die entsprechenden, mir mittlerweile ihrerseits vielleicht sogar ein bisschen allzu üblich gewordenen Anzeichen für jene Steigerungen zusammenzubringen. Doch hat es sich über die Jahre ein wenig verkehrt: Die Euphorie ist eine Freundin, nur der neuerlich sich abbrennende Sommer und die darin auftretenden Katalogmenschen sind mir lästig. Längst weiß ich besser, wohin ich gehen muss, um mir die Art Frauen anzusehen, die mich angehen, und die Leichtfertigkeit, mich für Blickbruchteile in einer zu irren, erlaube ich mir heute überall.

Von meiner kleinen Recherche zur Flusspromenade zurück, schleckt die sonst lachüberdrehte Clique Mädchen schon in sich gekehrter ihr Eis. Die immer schon unterkühlten Schau-Frauen, deren einziger Ehrgeiz es zu sein scheint, den Bildvorgaben ihrer verinnerlichten Perfektionen immer besser zu entsprechen, würdigen mich zu Recht keines Blicks. Und auf der anderen Flussseite drehen sich die billigen und dabei so überteuerten Lichter der Kirmes, auf die ich auch seit Ewigkeiten nicht mehr gehe. Schon eine Million Besucher zum Auftakt. Das Glück ist bei so Vielen, und ich gehe unbehelligt. Ich suche etwas anderes.

(Juli 2005)

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